Komisch, dass es weder im Kicker noch in der Sport-Bild und erst recht nicht bei den 11 Freunden eine Kolumne für beleibte Amateur-Fußballer gibt: Wie nehme ich x Kilo in y Wochen ab, wie mache ich mich fit für die nächste Saison? Läufer hingegen können gar nicht genug bekommen von diesen Tipps: Wie werde ich schnell, ausdauernd, schlank, glücklich und gesund? Es mag vielleicht doch an gewissen Unterschieden in der grundsätzlichen Einstellung liegen: Wie viele der rund 35.000 Starter beim Berlin-Marathon stellen sich mit einem gewissen Restalkohol-Pegel, drei Koteletts im Magen oder sechs Wochen Trainingsrückstand in den Beinen an die Startlinie? Und wie viele Kreisliga-Fußballer mit diesem Handicaps auf den Platz? Fußball ist immerhin auch ein Laufspiel, auch wenn es ein paar prominente Ausnahmen gibt:

Ganz anderes Thema. Ein Herr namens Peter Greif und meine Wenigkeit haben zwei Gemeinsamkeiten: Wir stammen beide aus Seesen/Harz und wir laufen Marathon, obwohl wir eigentlich viel zu groß und zu schwer für diese Distanz sind (keine Bange, eigentlich ist jeder Mensch über 1,70 m und 60 kg zu groß und zu schwer für diesen Sport) . Während ich aber eher nach dem Motto „dabei sein ist alles und Vorletzter werden ist doch auch ein Erfolg“ meine Runden drehe, ist Greif ein wirklich harter Bursche und dazu noch einer, der gern provoziert. Er lästert über Jogger (quasi alle Leute, die 10 km nicht in 40 Minuten laufen) wie Achim Achilles über Walker, seine Trainingspläne sind berühmt-berüchtigt. 30 km sind für ihn kein langer Lauf – 35 km sollten es schon sein. Ich amüsiere mich trotztdem Woche für Woche über seinen Newsletter. Vor einer Woche stellte er zum Beispiel diese Rechnung für die Ermittlung der Marathon-Zeit aus der letzten 10-km-Wettkampfzeit auf:
A-Läufer(innen): Hervorragend ausdauertrainierte trainingsältere Läufer(innen) mit mindestens 5 Jahren Trainingserfahrung, gelaufenen 5 Marathons und Umfängen > 140 km/Woche: 10 km Wettkampfzeit x 4,55
B-Läufer(innen): Sehr gut ausdauertrainierte Läufer(innen) mit mindestens 3 Marathons und Umfängen > 120 km/Woche: 10 km Wettkampfzeit x 4,6
C-Läufer(innen): Gut ausdauertrainierte Läufer(innen) mit mindestens einem Marathon und Umfängen > 100 km/Woche: 10 km Wettkampfzeit x 4,7
D-Läufer(innen): Mäßig ausdauertrainierte Läufer(innen) mit mindestens einem Marathon und Umfängen > 80 km/Woche: 10 km Wettkampfzeit x 4,8
F-Läufer(innen): Schlecht ausdauertrainierte Läufer(innen) mit mindestens einem Marathon und Umfängen > 60 km/Woche: 10 km Wettkampfzeit x 4,9
Und als Letztes kann ich dir die nachfolgende kleine Bosheit nicht ersparen: Sind deine Faktoren noch schlechter als die der F-Läufer, dann solltest du noch weg bleiben von den 42,2 km. Und wenn du sie dennoch läufst und mit dem miesen Faktor endest, dann bist du für mich immer noch ein Jogger(in) und kein Marathonläufer(in).
Gibt es keine E-Läufer(innen)? Ich schaffe es für vielleicht sechs Wochen pro Jahr mühsam in die Kategorie F, war aber bei meinem letzten Marathon immerhin drei Minuten schneller, als von Meister Greif errechnet. Und dabei bin ich – auch dies ein Service der Greif-Homepage – in der Marathon-Bestenliste des vergangenen Jahres bei den deutschen Männern auf Platz 26152 von 83709 zu finden und habe mich um rund 8000 Plätze verbessert. So stolz war ich. Bis ich jetzt las, dass ich doch nur mit viel Wohlwollen ein F-Läufer bin.
Im jüngsten Newsletter nahm Greif noch mehr Fahrt auf. Er beginnt zunächst mit einem überraschenden Lob: „Wer einen Marathon bestritten hat und durchgelaufen ist, ist ein Held.“ Ob er nun drei, vier oder sechs Stunden benötigt hat, „kämpfen und leiden“ musste er immer. Aber unerbittlich nimmt sich der Seesener die nächste Gruppe vor:
Die Schlaffsäcke, Weicheier, Running-Sozialisten und Schmusejogger vermehren sich schneller, als die Ehrgeizigen trainieren können. Denn heute meinen schon viele, wenn sie unfallfrei einen Halbmarathon laufen können, sind sie die großen Helden. … Es gibt Typen die recken sich, schieben den Unterkiefer nach vorn und sagen: „Halbmarathon bin ich sogar schon unter 2 h gelaufen“.
Das ruft bei mir traumatische Reaktionen hervor wie, Weinkrämpfe, Schüttelfrost und Gliederschmerzen. Wer sich mit so einer Trainingszeit brüstet, drückt die sportlichen Normen immer weiter nach unten. Als junger und gesunder Mann würde ich mit jedem Trick versuchen, so ein Resultat von 1:58 h geheim zu halten. … So eine Zeit verzeihe ich nur Anfängern, Fetten, Alten und Kranken. Für die anderen ist das Lustwandeln, aber kein Wettkampf.
Nun, genug von Greif und der Lauferei. Interessant wäre es zu wissen, was Greif wohl schreiben würde, wenn er Fußballer wäre und kein Läufer. Gibt es überhaupt einen Greif für Fußballer, der da sagt oder schreibt, dass Kreisliga für ihn nur eine Herumtreterei von Soccer-Sozialisten und alles unter der Regionalliga sowieso nur Schmuse-Kicken ist? Wenn es einen gibt – er dürfte nicht viel Geld mit seinen Texten verdienen.
Manchmal wünsche ich den Fußballern aber ein bisschen mehr Greif-Mentalität. Man steht nicht praktisch schon auf der Schwelle zum Profisport, wenn man sich zweimal pro Woche quält. Man erarbeitet sich nicht die Grundlagenausdauer für ein ganzes Jahr mit drei Joggingeinheiten im Hochsommer, wenn der Platz noch gesperrt ist. Und es sind auch keine nordkoreanischen Methoden, wenn ein Trainer seine Spieler am Abend vor einem wichtigen Spiel lieber im Bett als an der Theke sehen will.
Foto: 11 Freunde
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