Pack den Rechenschieber aus

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich Ende der Siebziger meinen ersten Taschenrechner kaufte – bei der örtlichen Quelle-Filiale für knapp 50 Mark. Das Ding beherrschte die Grundrechenarten, aber mehr als achtstellige Zahlen waren nicht vorgesehen. Rechnete ich beispielsweise 77777 x 88888, kam grundsätzlich ein E wie Error heraus. Und Batterien hat das Ding gefressen. Es entstanden also Folgekosten wie heute beim Handy für Teenies. Aber einen unschlagbaren Vorteil hatte das elektronische Ding: Es beendete unwiderruflich die Ära der Rechenschieber. Zumindest jenseits des Sportjournalismus.

Rechenschieber

So sah also ein Rechenschieber aus. In der einfachen Version ließen sich damit Zahlen multiplizieren oder dividieren und Dreisatz-Aufgaben lösen. Die Luxus-Ausführung bot auch Wurzelrechnung, Sinus und Cosinus sowie noch einige feine Dinge, deren Bedeutung der Normalbürger spätestens am letzten Schultag komplett vergessen hat. Weniger bis gar nicht möglich waren dagegen Addition und Subtraktion, auch bekannt als Plus- und Minus-Rechnen. Mein Wiki-Wissen: “Additionen und Subtraktionen sind nur mit Spezialrechenschiebern möglich, die neben den (oder anstelle der) logarithmisch geteilten Skalen (auch) lineare Skalen besitzen. Sie werden mit diesen Skalen genauso ausgeführt wie Multiplikationen und Divisionen mit den logarithmischen Skalen, also durch Aneinanderfügung der entsprechenden Strecken.” Ach ja.

Und dennoch regieren jetzt in der Endphase der Saison die Rechenschieber. Die Zeit der Rechenschieber hat begonnen. Sie sind in Bereitschaft oder werden ausgepackt, wie uns zum Beispiel der Wiesbadener Kurier verrät:

VCW-Spielerin Sandra Schilling hat unter der Woche schon einmal den Rechenschieber ausgepackt. Die Ausgangslage: Bei zwei Absteigern liegt der VC Wiesbaden mit zwei Punkten Vorsprung auf den TV Lebach auf dem drittletzten Tabellenplatz. Kann der VCW in Bad Soden – immerhin schon feststehender Meister und Aufsteiger in die 2. Bundesliga – einen Satz gewinnen, ist der Klassenverbleib geschafft. Andere Variante: Der Abstiegs-Mitkonkurrent TV Lebach gewinnt gegen den VC Neuwied nicht mit 3:0. Dann wäre das Ergebnis in Bad Soden egal.

Liebe Frau Schilling, oder besser: lieber Sportredakteur: Ein Rechenschieber ist in aller Regel für solche Berechnungen absolut ungeeignet oder überqualifiziert. Zwei oder drei Zähler zu den x Punkten dazuaddiert, das geht immer noch am besten im Kopf, auf dem Bierdeckel oder meinetwegen auch mit dem Taschenrechner, aber eben nicht mit dem Rechenschieber. Oder gibt es spezielle Geräte für den hessischen Oberliga-Volleyball? Oben auf der Zunge die schon erreichten Punkte von Wiesbaden unten von Lebach?

Warum nur bemühen gerade Sportjournalisten immer wieder das Bild des Rechenschiebers, der vor gut drei Jahrzehnten aus dem deutschen Alltag verschwunden ist? Hatten sie keine Quelle-Filiale vor Ort, um sich einen Taschenrechner zu kaufen? Hatten sie kein Geld für den Batterie-Wechsel? Oder hat sie der Mathematik-Unterricht der Sechziger so sehr fasziniert, dass sie noch heute jede elektronische Hilfe konsequent ablehnen?

Eine Antwort auf diesen Artikel.

  1. Veröffentlicht von Jürgen Vollmert am 29. September 2011 um 16:16

    Rechenschieber ( Aristo Aviat 617 ) haben noch heute in der Fliegerei eine ganz
    wichtige Rolle. Werden sie auch liebevoll Glücksrad genannt, so kann man sich doch in jedem Fall auf sie verlassen.
    Ich selbst bin Segelflieger. Schon mal probiert im Bus oder im Cockpit auf einem
    Taschenrechner zu tippen ?
    Ohne Rechenschieber läuft nichts; auch morgen nicht.

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.